Visionssuche

von Rolf Maybaum

Lange bevor  das Ende meines abhängigen Arbeitslebens feststand, suchte ich nach einem Weg, Klarheit über meine aktuelle Lebenssituation zu finden. Eine wichtige Frage war: Wie kann ich die noch vor mir liegende Arbeitszeit unbeschadet überstehen und möglichst eine positive Einstellung zu  meiner Arbeit finden? Durch einen Freund wurde ich auf eine Visionssuche in Schweden aufmerksam.

Nach gründlicher Information über diesen Weg zur Selbsterkenntnis entschloss ich mich zur Teilnahme. In der Zeit von Januar bis Juni wurde ich zusammen mit sieben weiteren Männern von zwei Mentoren durch zwei Treffen, Briefe und Anleitungen zu Übungen auf die Tage in der Wildnis vorbereitet. Ende Juni fuhren wir dann nach Schweden. Nach einigen Tagen der Eingewöhnung ging es in die dreitägige Schwellenzeit. Das heißt: Gehe allein in die Wildnis, bleibe drei Tage und Nächte an deinem Platz und faste. Nach der Rückkehr aus der Schwellenzeit war noch einige Tage Zeit, in den Alltag zurückzukehren und das Erfahrene zu verarbeiten und mit den anderen Männern zu teilen.

Die Visionssuche selbst ist ein uraltes Ritual. Eine Auszeit vom alltäglichen Treiben. Ein Weg der Selbsterkenntnis außerhalb der gewohnten Umgebung, an einem einsamen Ort in der Wildnis. „Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage.“ (Robert Greenway, Psychologe und Wildnisforscher)

Als wichtige Werkzeuge dienen Rituale wie z. B. das Fasten, Naturmeditation, der Steinkreis, der Schritt über die Schwelle. Die Rituale helfen, Alltägliches zu unterbrechen und bestimmten Handlungen eine wahrnehmbare Bedeutung zu geben. Auf den Punkt zu kommen, sich vom unsäglichen Multitasking zu lösen, in dem alles in einem undefinierbaren Handlungsbrei verschwindet.

Meine Visionssuche liegt jetzt sieben Jahre zurück. Noch heute berührt mich die Erinnerung an diese Zeit der Einsamkeit, der Besinnung aber auch der Gemeinschaftserfahrung mit den anderen Männern. Wir treffen uns noch immer ein oder zweimal im Jahr und ich genieße die gewachsene und lebendige Gemeinschaft.

Geblieben ist auch die Erfahrung, welche Bedeutung Rituale für mein Leben haben. Seit der Visionssuche gibt es wieder bewusste Rituale in meinem Leben. Besonders wenn mal wieder alles auf einmal passiert und ich das Gefühl habe, meinen Faden zu verlieren, helfen sie mir, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und wieder zur „Besinnung“ zu kommen.

Zwischenräume

von Rolf Maybaum

Ich bin jetzt fast ein Jahr im „Ruhestand“. Einige Abläufe, wie zum Beispiel die Hausarbeit, der Gang mit dem Hund und die Zeiten mit den Enkelkindern haben sich gut eingespielt. Ich genieße den Freiraum, den ich seit dem Ende meines Berufslebens eigenverantwortlich nutzen kann. Spontan den Spaziergang mit dem Hund am „Brockenblick“ bei einem Pott Kaffee und einem Stück Käsekuchen unterbrechen und denken, wie schön könnte der Blick auf den Brocken jetzt sein, wenn die wunderbaren frisch belaubten Buchen nicht im Weg stehen würden.

Und dennoch habe ich mich noch nicht ganz von dem über vierzig Jahre eingeübten Bild eines „sinnvoll“ ausgefüllten Tagesablaufes lösen können. Meine augenblicklichen  Projekte Familiengeschichte und Unterwegssein sind keine atemlosen Termingeschäfte. Es entstehen Zwischenräume, ich könnte durchatmen. Dann kommt sie immer mal wieder durch, die Frage: Gammelst du jetzt hier nur rum oder genießt du deine Freizeit, in der Gedanken, Pläne und Aufmerksamkeiten entstehen können?

“Verstehen, woher ich komme.”

 von Rolf Maybaum

Das Eintauchen in meine Familiengeschichte stößt an Grenzen. Eine Ahnentafel mit Daten bis zu den Urgroßeltern hatte ich schon vor längerer Zeit erstellt.

Diese Daten mit Leben zu füllen, besonders was meine Großväter und den mit 19 Jahren im 2. Weltkrieg  gefallenen Onkel betrifft, war schon wesentlich schwieriger. Meine Großväter erzählten interessante Geschichten von früher. Ihre Zeit als Soldat im 2. Weltkrieg blieb jedoch weitgehend ausgespart. Die spärlichen Berichte wurden von meinen Eltern und Onkel und Tanten ergänzt. Das Bild blieb jedoch immer unvollständig. Daran änderte sich auch nichts, als ich konkrete Fragen stellen konnte. Manchmal verursachte die Reaktion auf meine Neugier mir Unwohlsein. Ich hatte das Gefühl, an etwas Verschlossenen zu rütteln. Dabei wollte ich nicht beschuldigen, sondern nur verstehen.

Intention meiner Neugier ist der Wunsch, besser zu verstehen woher ich komme und wer oder was mich geprägt hat. Ich will wissen, ob der gefallene Onkel tatsächlich diese „Lichtgestalt“ war, als die er mir nach den Erzählungen erschien. Die Reaktionen auf meine Neugier waren sehr unterschiedlich.

Jetzt habe ich Zeit, die Briefe meines Onkels, in denen er während seiner neunmonatigen Dienstzeit fast täglich nach Hause berichtete, noch einmal genauer zu lesen und zu recherchieren.

Ich habe einen jungen Mann kennen gelernt, der unmittelbar nach dem Abitur Soldat wurde. Der die Ausbildungszeit an der französischen Atlantikküste und in Westpreußen eher als eine aufregende sportliche Herausforderung sah und der erst auf seinem Weg an die Ostfront die Realität des Krieges erfasste. Anhand alter Fotografien und Ortsangaben kann ich einen Teil seines Weges nachvollziehen.

Es bleibt dennoch eine unvollständige Familiengeschichte. Unbefriedigend für mich. Bei meinen Recherchen stieß ich dann auf Bücher von Sabine Bode. In ihrem Buch „Nachkriegskinder“ fand ich vieles von dem, was mich umtreibt beschrieben. Es ist gut für mich zu sehen, dass es nicht allein meine Neugier ist. Es ist wichtig für mich, diese Fragen zu stellen, auch wenn ich nicht immer auf positive Resonanz stoße. Ich werde aber auch nicht alles umfassend aufklären können. Einiges wird offen bleiben.

Alltag und neue Vorhaben

von Rolf Maybaum

Inzwischen habe ich eine Liste mit Dingen erstellt, die ich unbedingt verwirklichen will. Sie hängt deutlich sichtbar an meiner Pinwand. Einiges ist bereits verwirklicht, anderes begonnen, vielleicht kommt noch Neues hinzu. Anfangs fiel es mir schwerer als erwartet, den beruflich gewohnten Zeitdruck nicht in meine neue Zeit zu übertragen. Jetzt gelingt es schon immer besser. Manchmal kann ich den Müßiggang schon als geschenkte Zeit genießen. Vormittags auf dem Sofa sitzend einen spannenden Krimi lesen ist ein wunderbarer Luxus.

Im gewöhnlichen Tagesablauf übernehme ich mehr als vorher Hausarbeiten. So können meine Frau, die noch berufstätig ist, und ich nach ihrem Feierabend vermehrt Dinge unternehmen, die zuvor aus Zeitmangel unterblieben oder nur am Wochenende möglich waren.

Die wichtige Tagesstruktur wird seit Oktober auch von unserem jungen Hund bestimmt. Obwohl es „nur“ eine kleine Welshterrierhündin ist, fühle ich mich körperlich und geistig ausreichend gefordert.

Die ersten Renovierungsarbeiten sind abgeschlossen. Für die weiteren besteht vorerst keine Eile.

Zwei Nachmittage pro Woche sind für die Enkelkinder reserviert, unabhängig von spontanen gemeinsamen Unternehmungen.

Ich habe begonnen, die Briefe eines im 2. Weltkrieg gefallenen Onkels nochmals zu lesen und dabei tiefer in meine Familiengeschichte einzutauchen. Die sich daraus bisher ergebenden Eindrücke und Nachforschungen ziehen immer weitere Kreise und ich bin gespannt, wohin mich dieser Weg noch führt.

Ich bin spontan auf kleinen und großen Wanderungen unterwegs und finde wieder Gelegenheit, Wanderungen für Familie und Freunde zu organisieren. Die Gestaltung  einer kleinen Internetseite, auf der ich von meinen Unternehmungen berichte (www.geh-danken.org), hat mir viel Spaß gemacht. Auch hier wird sich zeigen, wie der Zuspruch sein wird und was sich möglicherweise daraus entwickeln kann.

Einiges ist also auf dem Weg. Ich glaube, etwas mehr Gelassenheit gelernt zu haben, um Dinge sich entwickeln und mehr als im beruflichen Leben das Bauchgefühl mitbestimmen zu lassen.

Ich bin neugierig auf die kommende Zeit.

Alleine in Schweden

von Rolf Maybaum

Anfang 2014 nahm der Gedanke, den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand ganz allein im Wortsinn „zu begehen“ immer mehr konkrete Gestalt an. Da ich mich seit einer Visionssuche in besonderer Weise mit Schweden verbunden fühle, machte ich mich auf die Suche und fand in Nordschweden eine einfache Unterkunft. Meine Frau war zunächst nicht davon begeistert, dass ich mich allein auf den Weg machen wollte. Es bedurfte einiger Gespräche und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie letztlich zustimmte und mir dieses besondere  Erlebnis ermöglichte. Auf dem Galå Fjällgård am Fuße der Gebirgskette des Oviksfjäll verbrachte ich von Mitte Juni bis Anfang Juli zwei Wochen in einer einsamen Hütte. Zeit im Überfluss, keine zivilisatorischen Ablenkungen und eine überwältigende Natur haben mich sehr nachdrücklich zur Ruhe kommen lassen. Ein prall gefülltes Tagebuch, eine Menge Fotos, die Sehnsucht nach Zuhause und eine eigene Standortbestimmung sind die wesentlichen Ergebnisse dieser Wochen.

Freiraum

von Rolf Maybaum

Ich war erstaunt, von wie vielen materiellen Dingen ich lassen konnte. Ganze Regale gelesener Bücher sind in ehrenamtlichen Bücherstuben verschwunden. Vieles, das vorläufig abgelegt wurde, um es irgendwann noch einmal zu nutzen, erwies sich als überholt und überflüssig. Allein dieser Prozess hat mein räumliches Umfeld übersichtlicher und leichter gemacht. Ein befreiendes Gefühl. Der Blick bleibt nicht mehr an Überholtem hängen, sondern kann sich ungehindert auf das Wichtige richten.

Immer klarer wurde, dass ich mir Zeit nehmen wollte, den neu gewonnenen Freiraum zu erspüren und auf mich wirken zu lassen. Nichts mit Aktionismus erzwingen, sondern mich anregen und anstiften lassen. Endlich zu einer Wanderung aufbrechen können, ohne das Wochenende abwarten zu müssen. Die Wohnung zu renovieren, egal ob es zwei, drei oder vier Tage dauern würde, ohne den kostbaren Jahresurlaub dafür vergeuden zu müssen. Meine Rolle als Großvater genießen, weil auch noch genug Zeit bleibt, hinterher auszuruhen.

Im Oktober 2013 habe ich an einem einwöchigen Bildungsurlaub des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt teilgenommen. Auf Baltrum ging es „Auf zu neuen Ufern … Neuorientierung am Ende des Erwerbslebens“. Es war ein anregender Austausch mit Menschen in einer vergleichbaren Lebenssituation. Mein Ergebnis dieser Woche war, dass meine Vorstellung, ohne fertiges und umfassendes Konzept, aber mit einer „Wunschliste“ in den Ruhestand zu starten, gar nicht so abwegig war.

In diesem Jahr bin ich 61 Jahre alt geworden.

von Rolf Maybaum

Ich bin verheiratet und inzwischen Großvater eines vierjährigen Enkels und einer einjährigen Enkelin.

Am 1. Juli 2014 endete mein abhängiges Arbeitsleben. Zuletzt habe ich zwanzig Jahre bei der Stadt Hannover in der Beschäftigungsförderung gearbeitet und dort Menschen beim Neu- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben unterstützt.

Im Jahr 2009 habe ich mich entschlossen, die Altersteilzeit in Anspruch zu nehmen. Das bedeutete, bis Juni 2014 wie gewohnt eine Vollzeitbeschäftigung mit deutlich vermindertem Gehalt auszuüben und danach bis zum regulären Rentenbeginn 2019 bei gleichem Gehalt in die „Freizeitphase“ zu gehen. Faktisch bin ich also noch gar kein Rentner. Das Gefühl kennt diesen Unterschied jedoch nicht. Legte ich zuerst noch Wert auf diese Differenzierung, erlaube ich mir inzwischen nur noch einen eher scherzhaften Hinweis auf den Langzeiturlaub. Ich fühle mich vielmehr sehr privilegiert, diese Möglichkeit des Berufsausstieges nutzen zu können.

In meinem Freundeskreis haben einige den Schritt in die Rente oder Pension schon vor mir getan und waren mir in vielfältiger Weise Vorbild oder Mahnung. Alle scheinen ihren guten Platz in diesem neuen Lebensabschnitt gefunden zu haben, so dass es mir zunehmend leichter fällt, mich selbst der Kennzeichnung „Rentner“ zuzuordnen.

Habe ich es in der letzten Zeit meiner beruflichen Tätigkeit als belastend empfunden, mich nur noch sehr eingeschränkt mit meiner Arbeit  identifizieren zu können, so sehe ich diesen Umstand rückblickend als Vorteil an. Die Distanz zu meiner Arbeit erleichterte mir den Blick auf eine Zeit danach. Eine Mischung aus freudiger Erwartung, Spannung und Unsicherheit trieb mich um. Immer häufiger wurde ich gefragt: „Was machst du denn dann mit der vielen Freizeit? Wo wirst du dich ehrenamtlich engagieren? Übernimmst du dann den Haushalt?“ Die Antworten blieben vorerst sehr vage. Begonnen habe ich damit, alle Dinge, die ich mir für „später“ vorgenommen hatte genau anzusehen. Die Zeit des kommenden, letzten Lebensabschnittes ist begrenzt. Egal ob es noch zehn, zwanzig oder dreißig Jahre sein werden, was ich jetzt auf „später“ verschiebe, bleibt womöglich unerledigt oder unerfüllt. Was ist mir wirklich wichtig? Womit will ich beginnen? Wie lange werde ich noch körperlich und geistig fit sein? Wovon kann ich mich trennen? Welche Menschen sind mir wichtig?