Alltag und neue Vorhaben

von Rolf Maybaum

Inzwischen habe ich eine Liste mit Dingen erstellt, die ich unbedingt verwirklichen will. Sie hängt deutlich sichtbar an meiner Pinwand. Einiges ist bereits verwirklicht, anderes begonnen, vielleicht kommt noch Neues hinzu. Anfangs fiel es mir schwerer als erwartet, den beruflich gewohnten Zeitdruck nicht in meine neue Zeit zu übertragen. Jetzt gelingt es schon immer besser. Manchmal kann ich den Müßiggang schon als geschenkte Zeit genießen. Vormittags auf dem Sofa sitzend einen spannenden Krimi lesen ist ein wunderbarer Luxus.

Im gewöhnlichen Tagesablauf übernehme ich mehr als vorher Hausarbeiten. So können meine Frau, die noch berufstätig ist, und ich nach ihrem Feierabend vermehrt Dinge unternehmen, die zuvor aus Zeitmangel unterblieben oder nur am Wochenende möglich waren.

Die wichtige Tagesstruktur wird seit Oktober auch von unserem jungen Hund bestimmt. Obwohl es „nur“ eine kleine Welshterrierhündin ist, fühle ich mich körperlich und geistig ausreichend gefordert.

Die ersten Renovierungsarbeiten sind abgeschlossen. Für die weiteren besteht vorerst keine Eile.

Zwei Nachmittage pro Woche sind für die Enkelkinder reserviert, unabhängig von spontanen gemeinsamen Unternehmungen.

Ich habe begonnen, die Briefe eines im 2. Weltkrieg gefallenen Onkels nochmals zu lesen und dabei tiefer in meine Familiengeschichte einzutauchen. Die sich daraus bisher ergebenden Eindrücke und Nachforschungen ziehen immer weitere Kreise und ich bin gespannt, wohin mich dieser Weg noch führt.

Ich bin spontan auf kleinen und großen Wanderungen unterwegs und finde wieder Gelegenheit, Wanderungen für Familie und Freunde zu organisieren. Die Gestaltung  einer kleinen Internetseite, auf der ich von meinen Unternehmungen berichte (www.geh-danken.org), hat mir viel Spaß gemacht. Auch hier wird sich zeigen, wie der Zuspruch sein wird und was sich möglicherweise daraus entwickeln kann.

Einiges ist also auf dem Weg. Ich glaube, etwas mehr Gelassenheit gelernt zu haben, um Dinge sich entwickeln und mehr als im beruflichen Leben das Bauchgefühl mitbestimmen zu lassen.

Ich bin neugierig auf die kommende Zeit.

Neun Monate zuhause

von Bernhard Noormann

Viele hatten mich gewarnt: „Pass auf, dass du nicht in ein Loch fällst“, oder: „du musst ein Jahr vorher auf 30% runterfahren“, und: „du solltest dir neue Hobbys suchen, die mit dem früheren Beruf nichts zu tun haben“.

Heute bin ich fast 10 Monate zu Hause, in ein Loch bin ich nicht gefallen, bis zum Schluss bin ich mit mehr als 100% gefahren, Langeweile habe ich noch nicht an einem einzigen Tag erlebt, im Gegenteil, es waren interessante neun Monate.

  • Die Wohnung wurde renoviert, Türen und Wände gestrichen, das Dienstzimmer wieder zum privaten Wohnraum umgestaltet.
  • Die Renovierung war gerade abgeschlossen, als ein Wasserschaden im Haus eine große Reparatur erforderlich machte, bis heute hält uns die Baustelle im wahrsten Sinne in Atem.
  • Schnell ergab sich mehr zufällig eine neue sportliche Aktivität. Jeden Dienstag spiele ich mit drei anderen „Pensionären“ zwei Stunden Tischtennis. Der regelmäßige Sport tut mit gut, und ich spüre, wie ich mich auf diesen Dienstag freue.
  • Gut tut die morgendliche gemeinsame Zeit mit meiner Frau. Länger frühstücken, gründlicher die Zeitung lesen. Beim Einkaufen in der Stadt fiel es zunächst meiner Frau auf: es fehlt mein ständiges Drängeln: „ich muss noch an den Schreibtisch, ich habe noch einen Termin“, usw. Plötzlich konnten wir ohne jeglichen Druck in der Stadt sein, es gab einfach mehr Harmonie.
  • Noch eine wichtige Beobachtung. In meiner Dienstzeit kam ich von Vater- Kind- Wochenenden z. B. häufig mit einer Erkältung nach Hause- seit Beginn des Ruhestandes habe ich noch keine Erkältung, keine Grippe gehabt.
  • Und die Männerarbeit? Ich hatte mir vorgenommen, bis zum Ende des Jahres keine Anfrage anzunehmen, und so habe ich es gemacht. Lediglich am viermal jährlich stattfindendem Männerfrühstück in Emden nehme ich weiter teil, manchmal noch als Leiter, vor allem aber als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Es ist sicher gut, auf diesem Wege Kontakt zu einigen Männern zu behalten, und gleichzeitig ein wenig aktiv zu bleiben.In gut zwei Monaten ist das erste Jahr als Ruheständler zu Ende, und ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Über „Nebenjobs“, „Reisepläne“, „Familienleben“, „Garten- und Hausarbeit“ sowie sonstige Aktivitäten beim nächsten Mal mehr.

Alleine in Schweden

von Rolf Maybaum

Anfang 2014 nahm der Gedanke, den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand ganz allein im Wortsinn „zu begehen“ immer mehr konkrete Gestalt an. Da ich mich seit einer Visionssuche in besonderer Weise mit Schweden verbunden fühle, machte ich mich auf die Suche und fand in Nordschweden eine einfache Unterkunft. Meine Frau war zunächst nicht davon begeistert, dass ich mich allein auf den Weg machen wollte. Es bedurfte einiger Gespräche und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie letztlich zustimmte und mir dieses besondere  Erlebnis ermöglichte. Auf dem Galå Fjällgård am Fuße der Gebirgskette des Oviksfjäll verbrachte ich von Mitte Juni bis Anfang Juli zwei Wochen in einer einsamen Hütte. Zeit im Überfluss, keine zivilisatorischen Ablenkungen und eine überwältigende Natur haben mich sehr nachdrücklich zur Ruhe kommen lassen. Ein prall gefülltes Tagebuch, eine Menge Fotos, die Sehnsucht nach Zuhause und eine eigene Standortbestimmung sind die wesentlichen Ergebnisse dieser Wochen.

Freiraum

von Rolf Maybaum

Ich war erstaunt, von wie vielen materiellen Dingen ich lassen konnte. Ganze Regale gelesener Bücher sind in ehrenamtlichen Bücherstuben verschwunden. Vieles, das vorläufig abgelegt wurde, um es irgendwann noch einmal zu nutzen, erwies sich als überholt und überflüssig. Allein dieser Prozess hat mein räumliches Umfeld übersichtlicher und leichter gemacht. Ein befreiendes Gefühl. Der Blick bleibt nicht mehr an Überholtem hängen, sondern kann sich ungehindert auf das Wichtige richten.

Immer klarer wurde, dass ich mir Zeit nehmen wollte, den neu gewonnenen Freiraum zu erspüren und auf mich wirken zu lassen. Nichts mit Aktionismus erzwingen, sondern mich anregen und anstiften lassen. Endlich zu einer Wanderung aufbrechen können, ohne das Wochenende abwarten zu müssen. Die Wohnung zu renovieren, egal ob es zwei, drei oder vier Tage dauern würde, ohne den kostbaren Jahresurlaub dafür vergeuden zu müssen. Meine Rolle als Großvater genießen, weil auch noch genug Zeit bleibt, hinterher auszuruhen.

Im Oktober 2013 habe ich an einem einwöchigen Bildungsurlaub des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt teilgenommen. Auf Baltrum ging es „Auf zu neuen Ufern … Neuorientierung am Ende des Erwerbslebens“. Es war ein anregender Austausch mit Menschen in einer vergleichbaren Lebenssituation. Mein Ergebnis dieser Woche war, dass meine Vorstellung, ohne fertiges und umfassendes Konzept, aber mit einer „Wunschliste“ in den Ruhestand zu starten, gar nicht so abwegig war.

Bilderbucheinstand

von Bernhard Noorman

Nach mehr als 45 Jahren Berufsleben war er da, der Tag der Verabschiedung in den Ruhestand. Ein wunderschöner Tag, der mit einem Männertreffen begann. (Ich war ja Männer-Arbeiter…)

Es folgte ein unvergesslicher Gottesdienst in der Martin Luther Kirche in Emden mit einem Empfang, an dem fast 200 Wegbegleiter, Freunde und Familienmitglieder teilnahmen. Am Tag danach mein 65. Geburtstag, ein paar Tage mit unserem Sohn und seiner Frau aus Bayern, mit unserer Tochter, Schwiegersohn und  Enkelkindern (ich bin stolzer dreifacher Opa) aus der Wedemark, gemeinsames Familienleben mit Spielen, gemeinsamen Mahlzeiten, Ausflügen genießen, ohne dass  Opa gleich wieder dienstlich weg musste. Etwas, was ich „so“ in den letzten Jahren sehr vermisst habe. Es war ein Bilderbucheinstieg in den Ruhestand.

In diesem Jahr bin ich 61 Jahre alt geworden.

von Rolf Maybaum

Ich bin verheiratet und inzwischen Großvater eines vierjährigen Enkels und einer einjährigen Enkelin.

Am 1. Juli 2014 endete mein abhängiges Arbeitsleben. Zuletzt habe ich zwanzig Jahre bei der Stadt Hannover in der Beschäftigungsförderung gearbeitet und dort Menschen beim Neu- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben unterstützt.

Im Jahr 2009 habe ich mich entschlossen, die Altersteilzeit in Anspruch zu nehmen. Das bedeutete, bis Juni 2014 wie gewohnt eine Vollzeitbeschäftigung mit deutlich vermindertem Gehalt auszuüben und danach bis zum regulären Rentenbeginn 2019 bei gleichem Gehalt in die „Freizeitphase“ zu gehen. Faktisch bin ich also noch gar kein Rentner. Das Gefühl kennt diesen Unterschied jedoch nicht. Legte ich zuerst noch Wert auf diese Differenzierung, erlaube ich mir inzwischen nur noch einen eher scherzhaften Hinweis auf den Langzeiturlaub. Ich fühle mich vielmehr sehr privilegiert, diese Möglichkeit des Berufsausstieges nutzen zu können.

In meinem Freundeskreis haben einige den Schritt in die Rente oder Pension schon vor mir getan und waren mir in vielfältiger Weise Vorbild oder Mahnung. Alle scheinen ihren guten Platz in diesem neuen Lebensabschnitt gefunden zu haben, so dass es mir zunehmend leichter fällt, mich selbst der Kennzeichnung „Rentner“ zuzuordnen.

Habe ich es in der letzten Zeit meiner beruflichen Tätigkeit als belastend empfunden, mich nur noch sehr eingeschränkt mit meiner Arbeit  identifizieren zu können, so sehe ich diesen Umstand rückblickend als Vorteil an. Die Distanz zu meiner Arbeit erleichterte mir den Blick auf eine Zeit danach. Eine Mischung aus freudiger Erwartung, Spannung und Unsicherheit trieb mich um. Immer häufiger wurde ich gefragt: „Was machst du denn dann mit der vielen Freizeit? Wo wirst du dich ehrenamtlich engagieren? Übernimmst du dann den Haushalt?“ Die Antworten blieben vorerst sehr vage. Begonnen habe ich damit, alle Dinge, die ich mir für „später“ vorgenommen hatte genau anzusehen. Die Zeit des kommenden, letzten Lebensabschnittes ist begrenzt. Egal ob es noch zehn, zwanzig oder dreißig Jahre sein werden, was ich jetzt auf „später“ verschiebe, bleibt womöglich unerledigt oder unerfüllt. Was ist mir wirklich wichtig? Womit will ich beginnen? Wie lange werde ich noch körperlich und geistig fit sein? Wovon kann ich mich trennen? Welche Menschen sind mir wichtig?

 

Seit dem 1. Juni 2014

von Bernhard Noormann

…bin ich nach zuletzt 25 Jahren als Referent der Männerarbeit Ruheständler. Mein Name ist Bernhard Noormann.

„Was wir gewinnen, wenn wir alt werden“, so hat Wilhelm Schmid den Untertitel seines Buches „Gelassenheit“ beschrieben, und es war das erste Buch, das ich im Ruhestand gelesen habe. Männer, die mich in vielen Jahren Zusammenarbeit in der Männerarbeit kennen gelernt haben, haben mich sicher als einen gelassenen Menschen erlebt, und so kann ich die Literatur nur empfehlen.

Denn Gelassenheit braucht Man(n), damit der erste Schock gut überstanden wird!  Ja, der finanzielle Verlust ist erheblich, wenn nach fast 48 Berufsjahren (14 Jahre Finanzbeamter; Studienzeit; Gemeindediakon, Referent der Männerarbeit) der Eintritt in den Ruhestand folgt.

Zwei Kinder haben meine Frau durch lange Studiengänge geführt, so dass unsere Ersparnisse ausgeschöpft waren; und auch, wenn wir am Anfang unserer Ehe ein eigenes Haus erbaut haben, die Kosten bleiben. Das muss jedem klar sein, wer keine Erbschaft zu erwarten hat, oder nicht von zu Hause aus begütert ist, wer keine mit verdienende Partnerin hat, muss als Rentner deutliche Abstriche machen, muss sein Leben umstellen, erträumte Reisen zurückstellen, wenn nicht gar streichen, und auch der Konzertabend muss in die Budgetplanung passen.